REKTORATSKIRCHE ST. SEBASTIAN - SALZBURG
PRIESTERBRUDERSCHAFT ST. PETRUS

Altwerden mit Gott

Der letzte Lebensabschnitt ist mit mancherlei Mühsal verbunden. Darin verbirgt sich eine bedeutende Sendung für unsere Zeit.

Eines der großen Irrtümer unserer Zeit ist die Geringschätzung des Alters. An allen Ecken wird uns ewige Jugend gepriesen: Sei fit! Sei schön! Fürchte dich vor Falten! Hüte dich vor dem alten Eisen! Liege im Trend! So schreit es die Werbung, so pocht der Puls der Zeit. Wer nicht mitzieht, wer nicht mitziehen kann, wird zur Randexistenz degradiert. In ihrer schrecklichsten Form findet die Missachtung älterer Menschen Ausdruck im Aufrechnen von Kosten und Ertrag und im Druck auf den Betroffenen: Mach deiner Familie das Leben leicht, schone deren Geldbeutel und scheide freiwillig aus dem Leben: „Euthanasie“ ist kein Fluch vergangener, dunkler Zeiten, sondern hat in Europa längst wieder Einzug gehalten, wie die Niederlande und Belgien zeigen.

Dem gegenüber steht die ewige Wahrheit, dass jedes Leben unendlich kostbar ist. Und dass Gott allein Herr ist über Leben und Tod.

Darüber hinaus haben die Alten eine hohe, wichtige Sendung, die man gar nicht genug wertschätzen kann. Ihre Lebenserfahrung zählt zu den Grundlagen für das Wohl der kommenden Generationen.

Neben dieser Lebenserfahrung ist den älteren Menschen eine apostolische Sendung anvertraut, gerade in unserer Zeit, in der die Nachgeborenen den Glauben oft nicht schätzen, weil sie ihn nicht kennen und nicht vorgelebt bekommen. Alte Menschen können in einer Welt, die arm an Glaubenszeugen geworden ist, Missionare sein! Wie viele Enkel haben das Beten allein bei ihren Großeltern gelernt, wie oft findet heute der erste Kontakt mit den Glaubenswahrheiten auf dem Schoß der Großmutter statt? Den älteren Menschen öffnet sich hier ein weites Missionsfeld, denn allen Christen ist es durch Taufe und Firmung aufgetragen, stets bereit zur Verantwortung gegen jeden zu sein, der von ihnen Rechenschaft über die Hoffnung fordert, die sie in sich haben (vgl. 1 Petr 3,15). Wohlgemerkt: Rechenschaft über Hoffnung – über einen frohen und herzlichen Glauben, der andere anstecken kann!

Jedem Missionar ist es alsdann aufgegeben, seine Worte durch das Gebet zu befruchten. Auch darin ist der älteren Generation ein Weg gewiesen, zumal ihnen oft mehr Zeit zur Verfügung steht: Wie wichtig sind heute die betenden Hände der Alten, wenn Kinder und Enkel eigene Wege oder gar offene Abwege gehen.

Wenn sie nun über Jahre hinweg scheinbar keine Früchte solcher Gebete für ihre Lieben erkennen, so ist mit dieser Sendung – welche mehr Geduld, mehr Gebet, mehr Liebe als viele Worte und Mahnungen voraussetzt – eine echte Glaubensprüfung verbunden. Die Erkenntnis der Güte Gottes lässt uns aber vertrauensvoll glauben: Kein Gebet geht verloren, kein Flehen um das Heil bleibt ungehört, keine Träne ist umsonst.

Wenn wir die Früchte unserer Gebete nicht sogleich ernten können, so können wir gerade den Schmerz darüber mit aufopfern, verknüpft mit jener Verheißung, von denen es im Buch der Psalmen heißt: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten. Es schreitet dahin und weint, wer den Saatbeutel trägt; jedoch mit Jubel kehrt heim, wer seine Garben trägt“ (Ps 125, 5f).

Dass der letzte Lebensabschnitt oft eine Zeit mühsamen Säens ist, zeigt sich auch in den Gebrechen des Alters. Allein das Empfinden und Eingestehen zunehmender Grenzen und die Einbuße an Lebensqualität ist mit Schmerz verbunden - umso mehr, wenn Krankheiten und Gebrechen hinzu kommen: „Die Zeit unserer Jahre ist siebzig, aufs höchste achtzig, und was darüber hinaus kommt, ist Mühsal und Schmerz“ (Ps 89, 10)

Damit dies alles den Menschen nicht niederdrückt und versteinern lässt, ist die Gottesnähe im Gebet und in den Sakramenten von besonderer Bedeutung. Leiden sollen den Menschen läutern und sie dem Gekreuzigten ähnlich werden lassen. Das Alter kann also auch als eine Chance zur Buße begriffen werden, die Gott den Menschen in dieser Zeit schenkt, um noch auf Erden zu sühnen, was durch „Satans List und Trug“ angerichtet wurde. So kann es zur Gnadenzeit werden, die es zu nutzen gilt. Wer sie mit dem Herrn trägt, wird nicht innerlich niedergebeugt, sondern vielmehr erhoben und auf die ewige Herrlichkeit vorbereitet.

Doch nicht wenige Menschen tun sich gerade in den späten Jahren schwer mit einem innerlichen Leben. „Früher konnte ich noch mehrmals in der Woche in die Heilige Messe gehen, heute bin ich an das Krankenbett gefesselt und nur selten kann ich die hl. Kommunion empfangen, um Kraft zu schöpfen“ - diese Aussage von Kranken zeigt die Sehnsucht nach einer tiefen Verbundenheit mit dem Herrn auf. Neben der regelmäßigen Krankenkommunion ist es eine fruchtbare Möglichkeit, sich durch oftmalige geistige Kommunion mit dem Herrn innig zu verbinden: „Komm, Herr Jesus!“

Im Lebensabend bietet sich zudem eine Gelegenheit, auf den Morgen und den Mittag dieses Lebens zurückzublicken. Eine Rückschau, die in Dankbarkeit Gott gegenüber mündet: Für alles, was an Gutem geschenkt worden und an Großem gelungen ist. Im ehrlichen Hinschauen wird es auch nicht an Erkenntnissen fehlen, was im Leben Stück- oder Blendwerk gewesen ist. Vielleicht wird man erkennen, wie wenig man für die Ewigkeit gelebt hat und wie sehr die Zeit in flüchtig vergangen ist, ohne dass man Gott näher gekommen wäre. Im Beichtsakrament wird verziehen und weg­genommen, was das Alter – aufgrund des Lebenslaufes und ohne dieses Geschenk der Barmherzigkeit Gottes – schwer belasten könnte. Nie ist es für die Umkehr zu spät, auch diejenigen, die erst in der letzten Stunde den Herrn finden, werden vom Herrn aufgenommen. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (vgl. Mt 20,1 ff) wird den Arbeitern, die erst am Abend zu arbeiten beginnen, der gleiche Lohn zuteil wie jenen, die den ganzen Tag gearbeitet haben: Eine Ermutigung für alle, die dem Ruf des Herrn nicht von Jugend an entsprochen haben.

Diese Zusage Gottes ruft nach einer Antwort, und es wäre töricht, sie aufzuschieben, denn niemand kennt sein Ende und jeder sehnt sich nach Frieden.

Der göttliche Friede wird sich aber nur dort entfalten können, wo die Bereitschaft herrscht, selbst zu vergeben: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Im Lauf eines Lebens gibt es nicht selten Großes zu verzeihen. In der Erfahrung der eigenen Sündhaftigkeit und mit Hilfe der Gnade wird es möglich sein, anderen zu verzeihen, von Gott Frieden empfangend.

Da niemand sein Ende kennt, ist es umso wichtiger, stets bereit zu sein; im regelmäßigen Gebet für eine gute Sterbestunde dürfen wir voll Vertrauen der letzten Stunde entgegen sehen: „Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Wer so im Leben betet, darf im Sterben sicher sein, die seligste Jungfrau zur gütigen Mutter und treuen Fürsprecherin zu haben, ist es doch noch niemals gehört worden, dass sie jemanden verlassen hätte, der zu ihr seine Zuflucht nahm.

Altwerden zu dürfen – das kann eine Gnade sein für diejenigen, die sie nutzen, um sich auf die Ewigkeit vorzubereiten. Doch wenn die Kräfte abnehmen, ist es auch möglich, dass der Horizont kleiner wird, und man auf den ausgetretenen Bahnen gottvergessen weitergeht, die man im Leben gegangen ist. Auch deshalb soll der Ruf nach Umkehr und Reinigung nicht aufgeschoben werden: „Daß ihr doch am heutigen Tag auf seine Stimme hören wollt: Verstockt nicht euer Herz“ (Ps 94, 7).

Die Gebrechen des Alters nicht aus dem Blick zu verlieren, ist schließlich auch für den Umgang der jüngeren Generation mit alten Menschen bedeutend. Eine der christlichen Liebe entsprechende Antwort kann es nur sein, in Geduld und mit größerer Fürsorge die Alten verständnisvoll zu begleiten, „denn auch von uns werden manche alt“ (Sir 8, 7). Im Gebet für die Älteren wächst die Bereitschaft, mit ihnen das Kreuz des Alters zu tragen, die auch gelebte Dankbarkeit für das viele sein soll, dass sie der nächsten Generation geschenkt haben, begonnen mit der Weitergabe des Lebens.

Die Fürsorge an älteren Menschen gehört zu den besonders vorzüglichen Werken der leiblichen Barmherzigkeit: „Denn ich war hungrig und ihr habt mich gespeist… Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 35 ff.).

Neben der leiblichen Versorgung ist es freilich das dringlichste Werk der Nächstenliebe, den alten Menschen auf die Heiligen Sakramente vorzubereiten und Sorge zu tragen, dass er regelmäßig durch einen Priester besucht und gestärkt werde.

Gerade im allerletzten Lebensabschnitt, soll man nicht zögern, einen Priester zu rufen. In den letzten Stunden bei einem Sterbenden sein zu dürfen, heißt dem Menschen helfen, ihn zum Himmelstor zu begleiten. Welch große Aufgabe, die jeder Sterbende in der Ewigkeit danken wird!

Das Alter ist Mühsal und Gnade zugleich. Die Gnade vermag die Mühsal zu tragen. Das Schwere dient der Läuterung für sich und andere, im Geist des hl. Paulus: „Nun freue ich mich der Leiden für euch und will das, was an Christi Drangsalen noch aussteht, ergänzen an meinem Fleisch zum Besten seines Leibes, das ist die Kirche“ (Kol 1, 23).

Auch deshalb sollen die Jüngeren dankbar den Älteren beistehen. Und wer den alten Menschen gibt, darf erfahren, dass er mehr empfängt, als er zu schenken vermag – und beide werden ähnlich dem Herrn: „Einer trage des anderen Last. So erfüllt ihr Christi Gesetz“ (Gal 6, 2).

P. Dieter Biffart FSSP

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