REKTORATSKIRCHE ST. SEBASTIAN - SALZBURG
PRIESTERBRUDERSCHAFT ST. PETRUS

Jesus begegnet Seiner betrübten Mutter

Passionspredigt

Etwa neunzig Kilometer südwestlich von Paris erhebt sich ein faszinierendes Bauwerk, welches seit dem 9. Jahrhundert eine bedeutende Reliquie beherbergt. Die Kathedrale von Chartres, Inbegriff der Hochgotik, wurde erbaut, um die Sancta Camisia, den Schleier Mariens gleich eines Reliquiars zu umhüllen und dadurch die Muttergottes zu ehren. Diesen Schleier, 876 von Karl dem Kahlen zur Weihe der Kirche gestiftet, soll der Überlieferung nach Maria bei der Verkündigung durch den Engel Gabriel und der Geburt Jesu getragen haben. Es ist ein kleines, unscheinbares Stück und dennoch durchdrungen von Heiligkeit und Geheimnis, stellt es doch eine direkte Verbindung zu den unaussprechlichen Geheimnissen der Menschwerdung Gottes her.

Vielleicht ist es auch jener Schleier, den Maria trug, als sie Ihrem geliebten Sohn auf Seinem Kreuzweg hinauf nach Golgotha begegnete? Und wie können wir uns diese letzte, innige Begegnung zwischen dem Gottmenschen und Seiner heiligen Mutter vorstellen? Maria, unberührt von der Erbschuld, nie mit dem Gift der alten Schlange infiziert und dadurch niemals unter der Herrschaft des Teufels, muß von strahlender Heiligkeit gewesen sein. Umso erstaunlicher ist es, daß sie offensichtlich als einfache, normale Frau galt. Das Evangelium berichtet zwar in wunderbaren Worten von ihr, aber es liegt keine Information vor, daß sie besonders aufgefallen sei noch daß sie viel gesprochen habe. Maria war in ihrem irdischen Leben offenbar eine schweigsame Frau. Durch ihre wunderbare Begnadung, die ihre Seele in Fülle durchströmte, lebte sie in der beständigen Betrachtung Gottes. Sicher war ihr eine tiefe Gotteserkenntnis zuteil geworden und die liebende Vereinigung mit dem Ewigen ihr Quell, aus dem sie trank. Unter ihrem Herzen durfte sie den menschgewordenen Gott neun Monate tragen, Er nahm aus ihr die menschliche Natur, unser armes Fleisch, an und leuchtete mit Seiner göttlichen Heiligkeit aus diesem reinen Tabernakel.

Über all dem ausgebreitet ist ihr Schleier. Dieses Stück Stoff ist so von der Gnade durchwirkt, daß es die Kraft hat, zu verbergen. Mariens überragende Heiligkeit, die Unberührtheit ihrer Seele von der Erbsünde und die Unversehrtheit ihres Leibes bis über die Geburt ihres Einziggeborenen hinaus mußte vor den Augen der Menschen verborgen werden bis zu dem Zeitpunkt, da durch die Vermittlung der Kirche diese offenbar werden sollten. Der Schleier bedeckte Maria nicht nur auf die übliche Weise, sondern in der Übernatur schütze er zugleich ihre besondere Erwählung und Heiligkeit.

Möglicherweise hätten die Menschen die ganze Herrlichkeit Gottes, die in ihr leuchte, nicht ertragen; genauso wie der Herr selbst das Licht verbirgt und es bei der Verklärung am Tabor keimhaft aufleuchtet läßt. Mariens Herrlichkeit ist also zuerst eine innerliche, die genährt wird durch den ehrfürchtigen Austausch mit Gott. Die je neu aufflammt durch ihre Erneuerung des Fiats in den Augenblicken ihres Lebens, wenn ihr erneut die Berufung Ihres göttlichen Sohnes zum Opfer für das Heil der Welt bewußt wird. Wie wir selbst immer neu unser Ja zum göttlichen Willen im Vertrauen auf die gütige Vorsehung Gottes sprechen müssen, so hat sie ihres Tag um Tag erneuert in der staunenden Betrachtung des Gottmenschen, Den sie geboren hat, Dessen Erziehung ihr zusammen mit dem hl. Joseph anvertraut war und Den sie eines Tages freigeben mußte, damit Er das Werk vollbringen konnte, zu dem Ihn der himmlische Vater gesandt hat.

Gehen wir also davon aus, daß es auch dieser Schleier ist, den Maria auf dem Kreuzweg getragen hat. Inmitten der Menge, die dem schauerlichen Schauspiel beiwohnt, folgt sie Jesus. Er ist bereits schrecklich zugerichtet durch die Marter der vergangenen Nacht. Keine heile Stelle ist mehr an Seinem heiligen Leib, keine Schönheit, wie die Schrift sagt. Was muß es in ihrem Herzen einen Schmerz verursachen, den geliebten Sohn, Der zugleich ihr Gott, Schöpfer und Erlöser ist, so zu sehen und Ihn nicht, wie es der Mutterinstinkt tun würde, in ihre Arme zu schließen, die Wunden zu versorgen und Ihn mit ihrer Liebe zu trösten, die die Macht hat, ein wenig seelischen Frieden und Ausdauer zu schenken. Doch letzteres ist ihr in gewissen Weise vergönnt.

Maria ist betrübt. Ihr Herz ist erfüllt von Traurigkeit. Nicht weil sie mit Gott hadert, sondern weil der mütterliche Sinn ihrer menschlichen Seele die Qual und Ungerechtigkeit mit ansehen muß und außer dem Fiat zu Gottes Willen und ihrem Gebet nichts tun kann.

Wir können sagen, daß ihre Betrübnis also daher rührt, daß sie in der natürlichen Ordnung ihren eigenen Sohn erkennt, Dem sie das Leben geschenkt hat und Der aus ihr Fleisch und Blut angenommen hat. In der übernatürlichen Ordnung ist es die Erschütterung über den Abgrund der Liebe Gottes und darüber, daß Er so etwas tut. Im geschundenen Heiland leuchtet diese Liebe ganz und gar auf. Zudem ist es der Schmerz über die Sündenlast der Welt, die an Ihm offenbar wird: keine heile Stelle, weil das Maß der Sünde voll ist. Das sanfte Lamm trägt die gesamte Schuld der Welt und sucht doch nur Liebe, die es tröstet.

Nun nähert sich der Augenblick, da sich beider Blicke kreuzen. Wir können nicht begreifen, was in diesem Moment geschieht, denn es treffen einander nicht einfach menschliche Blicke, sondern es ist eine Begegnung der Ewigkeit Gottes mit dem Ziel Seiner Sehnsucht und der bereits erfüllten Erlösungsgnade, die sich im Geschöpf widerspiegelt. Jesu Augen sind geöffnet und der Anblick Seiner geliebten Mutter ist Ihm eine Quelle des Trostes. Von Kindheit an sind Ihm diese Blicke vertraut.

Maria hat Ihn empfangen vom Heiligen Geist und geboren. Sie hat Ihm alle Liebe, derer ein Geschöpf fähig ist, und alle Anbetung, zu der ein Mensch Seinem Gott gegenüber im Stande ist, geschenkt. Sie hat Ihn umsorgt, Ihn mit Angst gesucht und im Tempel gefunden, wo sie Ihn zwölf Jahre zuvor dargebracht und vom greisen Simon die Weissagung empfangen hat, daß ein Schwert ihre Brust durchdringen werde. Und diese trifft nun ein. Liebe und Anbetung sind die beiden Tugenden, derer sich Gott am meisten freut, drücken sie doch die Hingabe und die Abhängigkeit des Geschöpfes an und von Ihm aus. Sie sind am vollkommensten verwirklicht im Leben der Muttergottes.

Jesu Augen treffen auf Seine heilige Mutter. Der Blick Gottes, der aus der Ewigkeit kommet, offenbart den ganzen Abgrund Seiner Barmherzigkeit. Trotz aller Marter leuchtet in Jesus die ganze Herrlichkeit des Himmels auf. Seine glänzenden Strahlen durchdringen die Nacht, erhellen das Dunkel und spenden Frieden und Freude. Im Blicken auf Seine Mutter tröstet Er zu allererst sie, die betrübt ist. Er spricht zu Ihr von Herz zu Herz, daß Er, Gott, sie von Ewigkeit her geliebt und auserwählt hat. Daß ihrer hohen Berufung auch das Opfer entsprechen muß, welches sie nun mit Jesus bringen wird. Aber Er offenbart ihr auch das Ende der Qualen und des Leides, weil die Majestät Gottes niemals vom Tod besiegt werden kann. Jesus schenkt ihr bereits jetzt einen Funken der künftigen Osterherrlichkeit.

Und Maria? Die Kirche lehrt ihre unbefleckte Empfängnis und hat sich dabei die Worte des Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus zu eigen gemacht, der im 13./14. Jahrhundert lehrte und was Papst Pius IX feierlich am 08.12.1854 verkündet hat: „…daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb“.

In ihr erkennt der Herr die bereits vollzogene Erlösung. Er sieht in ihr das Heil, das Er gerade erwirkt. Ihr Anblick tröstet auch Ihn, denn Er weiß, welche Herrlichkeit für die gefallene Menschheit bereitet ist. Er tut es im Gehorsam gegen den himmlischen Vater, wie auch Maria ein lebendiges Beispiel für die treue Unterordnung unter Gottes Willen ist. In diesem vollkommensten Geschöpf des Menschengeschlechtes findet der Blick Gottes aus der Ewigkeit eine vollkommene Antwort aus der Zeitlichkeit. In Maria leuchtet ein Widerhall der göttlichen Liebe auf. Sie ist nicht nur transparent, sondern ein tönendes Echo des ewigen Lobgesanges und der Liebe Gottes.

Durch ihre tiefe Gotteserkenntnis wird ihr die Bedeutung dieses Augenblick selbst bewußt und sie erfährt darin für sich den Ruf, treu den Weg mit hinauf nach Golgotha zu gehen. Sie soll mit Ihrem Sohn das Opfer bringen, unter dem Altar des Kreuzes ausharren und so als vollkommenstes Geschöpf dem Erlöser die rechte Anbetung erweisen durch die Hingabe ihrer selbst in diesem so dunklen Augenblick der Weltgeschichte. In ihrer Treue und Standfestigkeit stellt sie sich nämlich zugleich drohend dem Teufel gegenüber und signalisiert ihm, daß er über sie niemals Macht hatte und seine Macht über die Menschheit nun gebrochen wird.

Unsere Herrin, rein, unversehrt und edel in ihrem Wesen, kann zugleich dem Blick Gottes standhalten. Wir Menschen wissen nur allzu gut, wenn wir jemandem nicht in die Augen schauen können. Können wir es nicht, weil unser Herz rein ist, aber der Blick eines anderen bohrt, dann ist es eine Gnade des Himmels, die unser Innerstes verschleiert vor dem suchenden Blick des Bösen. Können wir es nicht, weil wir uns der Sünde bewußt sind, dann ist es der Blick der Scham und des Verbergens, um nicht entdeckt zu werden. Wenn beispielsweise ein Kind etwas angestellt hat und instinktiv merkt, daß die Eltern es wissen, dann entzieht es sich den fragenden Blicken und sucht das Weite. Um wie viel mehr ist es bei uns, wenn wir sündigen und, anstatt direkt den Herrn um Vergebung zu bitten, fliehen, um nicht bekennen zu müssen, daß wir nackt sind. Es ist ein Zeichen der Heiligkeit, im Feuer Gottes bestehen zu können und in Sehnsucht nach Seiner Gegenwart näher zu Ihm hinzustreben. Die Strahlen, die aus den Augen Jesu kommen, dringen auf den Grund der Seele, um zu heilen, zu reinigen und zu wandeln. Es ist dies der Prozeß, der uns so große Schmerzen bereitet und den wir scheuen, obwohl wir im Innersten wissen, daß er nötig wäre.

Wenn nun Unser Herr die Muttergottes erblickt, so erkennt Er in ihr nicht nur das makellose Gefäß der Gnade, Seine heilige und unversehrte Mutter, die Erste der Erlösten, sondern auch die Kirche. Maria nämlich ist immer zugleich Sinnbild für die Kirche, die der Seite des Herrn entspringt und Sein Werk fortsetzt durch die Zeiten. Sie ist zugleich Sein mystischer Leib, in dem die Gläubigen geeint werden im rechten Glauben, den wahren Sakramenten und unter der Leitung des Petrus. Sie ist die reine und keusche Braut, mit der sich Christus verlobt hat und die diese Reinheit bewahren soll bis zum Jüngsten Tag. Der Epheserbrief spielt auf diese Brautmystik an, indem er bei den Aussagen über die Ehe ausführt: „Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi, ihr Frauen den Ehemännern wie dem Herrn! Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie Christus das Haupt der Kirche ist, die Er als Sein Leib erlöst hat… Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und Sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen nach der Reinigung im Wasserbad durch das Wort. So will Er Sich die Kirche voll Herrlichkeit zuführen, ohne Flecken, Runzeln oder dergleichen, sondern heilig und makellos“ (Eph 5,21-23.25-27).

Aus diesem Grund soll unsere Liebe besonders der Kirche gelten und wir sollen alles daran setzen, daß sie durch die Lüge und den Verrat nicht entstellt wird, sondern treu zum Herrn, ihrem Bräutigam steht, Der eifersüchtig über sie wacht, weil Er um die Verletzlichkeit ihrer Glieder und die Feigheit der Hirten weiß.

Maria war in erster Linie Gott untertan, sodann dem hl Joseph, den Gott als Nährvater des Herrn eingesetzt hat und, weil Jesus Gott ist, auch im Rahmen des menschlich denkbaren - ist sie doch auch Seine Mutter - dem eigenen Sohn. So glänzt in Maria die Schönheit der Kirche, deren Mutter sie ist. Die Schar der Erlösten erscheinen vor Jesu göttlichem Auge und Er faßt inmitten des Leids neue Kraft, Seinen Weg zu Ende zu gehen.

All dies und vermutlich noch viel mehr geschieht mehr oder weniger unbemerkt im Bruchteil eines Augenblickes. Es vollzieht sich aber ebenso unbemerkt, weil der Schleier der Gnade über dieses Geheimnis gebreitet ist. Den Menschen ist es nämlich nicht erlaubt, alle Geheimnisse zu erkunden. Und gerade in der damaligen Situation hätte es den Haß und die Wut der Umstehenden noch antreiben können. So breitet der Schleier Mariens auch über diese Begegnung den Schutz des Himmels. Die Tiefe bleibt verborgen und der gewöhnliche Mensch erkennt lediglich, daß sich zwei Menschen mit ihren Augen kreuzen. Vielleicht sogar, daß es sich um Mutter und Sohn handelt. Mehr jedoch nicht. Nur die, welche in der Erkenntnis Gottes gereift sind, verstehen. Möglicherweise Maria Magdalena, die so sehr geliebt hat. Vielleicht Veronika, die Jesus das Schweißtuch dargereicht hat. Oder Simon von Cyrene, dessen Blick sich mit Jesus verbindet und ihm hilft, das Kreuz mitzutragen.

Wenn Gott uns persönlich des Blickes würdigt in einer Weise, die das normale Verstehen übersteigt, dann breitet Er auch über uns den Schleier Mariens. Er will uns davor bewahren, den Menschen und ihrem Haß preisgegeben zu werden, wenn es noch nicht die Zeit dafür ist. Immer aber, wenn uns Sein Blick trifft, ist es zuallererst ein Mahnruf zur Umkehr, weil Er im lichten Glanz alles offenbart. Sodann ist es eine Gnade, in der Erkenntnis Gottes zu wachsen, Ihn tiefer zu lieben, Ihm treuer zu dienen und alles daran zu setzen, den Himmel nicht zu verlieren und Menschen in die beseligende Anschauung Gottes im Glauben zu versetzen, die freilich erst im Himmel durch das Glorienlicht vollendet wird.

Zugleich ist aber der Anblick Gottes etwas zutiefst persönliches. Es ist eine Offenbarung Seiner Liebe zu mir. Er möchte mir in der Kammer meines Herzens begegnen. Er möchte mit mir den vertrauten Umgang einer reinen Liebe, die die Seine beantwortet und zum Echo des himmlischen Lobgesanges wird. Und aus diesem Grund hat der Herr den Johannes Maria zum Sohn und sie ihm zur Mutter gegeben, damit wir von ihr lernen, uns von ihr an der Hand nehmen und formen lassen, die doch die Macht hat, alle Gnaden des Himmels zuzuwenden. Auf dem Kreuzweg unseres eigenen Lebens hält uns Maria und sie führt uns zu Jesus, wenn Er mit Seinem Kreuz nah bei uns ist, damit wir Ihn betrachten dürfen, von Ihm lernen, im Blick Seiner strahlenden Augen das Heil erahnen und so gestärkt treu ausharren, bis Er uns mit Seiner Stimme ruft und sagt: Komm, denn Ich habe dich erlöst. Mein bist du! Und dann werden die Schleier fallen und wir Ihn von Angesicht zu Angesicht schauen. Amen.

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