REKTORATSKIRCHE ST. SEBASTIAN - SALZBURG
PRIESTERBRUDERSCHAFT ST. PETRUS

An dieser Kette scheiden sich die Geister

100 Jahre Fatima : von Not und Segen des Rosenkranzgebetes

Eine alte Leier oder ein immer junger Lebensbrunnen des christlichen Gebetes? Am Rosenkranz scheiden sich die Geister! In den letzten Jahrzehnten wurde der Rosenkranz immer wieder bespöttelt und als „Altweiberkram“ verachtet. Von der Dankbarkeit einmal abgesehen, die wir älteren Menschen schuldig sind – wieviel Gutes geschieht gerade durch das vermehrte Gebet der Kranken und Alten – verkennt dieses Urteil den Ursprung, die Güte und die reiche Frucht des Rosenkranzes.

Das römische Brevier berichtet am Rosenkranzfest über die Herkunft des Rosenkranzes: „Als die Irrlehre der Albigenser im Gebiet von Toulouse ihr schlimmes Unwesen trieb und von Tag zu Tag immer tiefere Wurzeln schlug, setzte sich der hl. Dominikus, der kurz zuvor erst den Grund gelegt hatte zum Orden der Predigerbrüder, mit aller Kraft für deren Überwindung ein. Um dies wirksamer tun zu können, flehte er innig zur seligen Jungfrau um Hilfe. Ihr ist es gegeben, alle Irrlehren zu vernichten auf der ganzen Erde. Von ihr wurde er, so wird berichtet, aufgefordert, dem Volk als besonderes Schutzmittel gegen Irrtum und Sünde den Rosenkranz zu empfehlen, und es ist erstaunlich, mit welchem Eifer und glücklichem Erfolg er den ihm gewordenen Auftrag ausführte (Matutin vom 7. Oktober, 4. Lesung).“

Der himmlische Ursprung dieses Gebetes birgt in sich schon die Erfolge, die es über die Jahrhunderte hinweg verzeichnen konnte: Immer wenn Gefahren von außen oder von innen drohten, belohnte Gott das treue Rosenkranzgebet mit Frieden und Schutz für die Christenheit: Als beispielsweise der heilige Papst Pius V. im Jahr 1571 das christliche Abendland durch die türkische Flotte bedroht sah, forderte er das gläubige Volk zum Rosenkranz und die christlichen Herrscher zum Widerstand auf. Mit Hilfe der Beter konnte das christliche Bündnis am 7. Oktober gegen die feindliche Übermacht der Osmanen den Sieg bei Lepanto erringen und wieder einmal schieden sich vom Segen des Himmels begleitet die Geister …

Da sich die Herausforderungen in der Geschichte immer neu wiederholen, ist es nicht verwunderlich, daß die Gottesmutter während des ersten Weltkrieges im portugisischen Fatima erschien und drei Hirtenkindern wiederum die schlichte und dennoch tiefe Forderung anvertraute: „Betet täglich den Rosenkranz und es wird Frieden sein.“

Die Würde des Rosenkranzes leitet sich jedoch nicht allein vom Ursprung und der Wirkungsgeschichte desselben ab. Die Gebete, die er enthält, umfassen den kostbarsten Gebetsschatz, den jeder Katholik schon im Herzen trägt:

Zu Beginn des Rosenkranzgebetes bekennen wir zweimal unseren Glauben. Das Kreuzzeichen umfaßt das Bekenntnis der Dreifaltigkeit und der Erlösung. Es führt uns in den Reichtum ein, der im Herzen des Getauften verborgen ist, denn durch die Gnade wohnt der Dreifaltige Gott in unserer Seele. Indem wir uns – und der Rosenkranz legt uns dies nachdrücklich nahe – bewusst machen, vor dem Dreifaltigen Gott zu stehen, rüsten wir uns bestens zum Gebet. So verstehen wir auch, dass wir uns am Ende jedes Rosenkranz-Gesätzes erneut in dieses „Geheimnis aller Geheimnisse“ versenken sollen, denn es ist Ursprung und Ziel unseres Seins: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist!

Das Apostolische Glaubensbekenntis entfaltet den im Kreuzzeichen ausgedrückten Glauben. Es faßt diesen Glauben zusammen – und wir ahnen vielleicht ein wenig die Verpflichtung, sich mit diesem Glauben ein Leben lang auseinanderzusetzen, ihn zu betrachten, auf daß er nicht zur leeren Formel verkomme, sondern mit jedem Gebet an Tiefe gewinnt.

Das Grundgebet der Christenheit, das Vater unser ist die Richtschnur allen christlichen Betens und deshalb auch Fundament des Rosenkranzgebetes. Es steht am Beginn jedes Gesätzes als Tor zu den Lebensstationen Jesu, die der Rosenkranz vor Augen stellt.

Mit dem Ave Maria stellen wir uns gleichsam an den Beginn des Heils, treten in den Augenblick der Verkündigung und erhalten Anteil an der Frucht der Menschwerdung Gottes. „Der Engel harrt auf eine Antwort“, sagt der hl. Bernhard von Clairvaux, das Ave deutend, und „auch wir, o Herrin, harren auf das Wort deiner Erbarmung, wir, die uns der Urteilsspruch der Verdammnis so sehr drückt. Siehe! Der Preis unseres Heils ist dir dargeboten, sogleich werden wir gerettet sein, so du einwilligst. Der Herr selbst, so sehr Er deine Schönheit begehrt, so sehr verlangt Er deine zustimmende Antwort, in welche Er das Heil der Welt gelegt hat.“ (De Laud. V. M., hom. 4)

Ist es nicht Grund genug, das Ave beständig zu beten, auf daß Gott auch in unserem Herzen seine Menschwerdung fortsetzen kann? Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort schreibt über die Würde des Ave: "Es ist das neue Hohelied des Gesetzes der Gnade, die Freude der Engel und Menschen, der Schrecken und die Beschämung der Dämonen. Durch das Ave wurde Gott Mensch, eine Jungfrau Gottesmutter, wurden die Seelen der Gerechten aus der Vorhölle befreit, die Verluste des Himmels wiederhergestellt, die leeren Throne besetzt, wurden die Sünde vergeben, die Gnade aufs Neue geschenkt, wurden die Kranken geheilt, die Toten erweckt, die Verbannten zurückgerufen, wurde die allerheiligste Dreifaltigkeit besänftigt und die Menschen erhielten das ewige Leben." (aus: „Der hl. Rosenkranz“)

Das Rosenkranzgebet erschöpft sich aber nicht im mündlichen Aufsagen der beschriebenen christlichen Grundgebete. Es wäre unvollständig und würde tatsächlich zur Leier abgleiten, wenn nicht als zweiter „Lungenflügel“ das betrachtende Gebet hinzukommen würde. Liegt nicht gerade hier das Mißverständnis derjenigen, die sich mit dem Rosenkranz nicht anfreunden können und ihn als „Geplapper“ abtun?

Wenn der Rosenkranz in seiner Tiefe verkannt wird, kommt dies nicht aus einer etwaigen Unvollkommenheit dieses Gebetes, vielmehr aus der Unkenntnis dessen, was Rosenkranzbeten heißt.

Denn während der Beter mit seinen Lippen mündlich die Gebete formt, soll er gleichzeitig betrachtend zur Tiefe der Geheimnisse gelangen. Darin ist auch die Begründung zu suchen, warum die Ave Maria zehnmal wiederholt werden. Im Ave verbindet sich der Beter mit der Muttergottes, um mit ihren Augen auf Christi Menschwerdung, Leiden und Herrlichkeit zu schauen. So kann der Beter - mit dem Blick der Augenzeugin des Erlösungsgeschehens verbunden - dieses Heil betend erwägen.

Während der Beter die Ave wiederholt, braucht er sich daher keinesfalls an den einzelnen mündlich gesprochenen Worten aufhalten. Er soll vielmehr des Geheimnisses innewerden, welches mündlich ausgesprochen wird.

Darin liegt ebenso der Reichtum des Rosenkranzgebetes begründet: es vereint mündliches und betrachtendes Gebet; beides gehört wesentlich zum christlichen Beten.

Wir sollen uns im Beten der Geheimnisse so hineinversenken, als ob wir mit Maria geeint am „Schauplatz“ der Erlösung stünden. So wird Rosenkranzbeten lebendig und bewahrt den Beter auch vor einer oberflächlichen Routine. Die Herausforderung dieses Gebetes besteht also darin, das mündliche Gebet in der Betrachtung der einzelnen Lebensstationen Christi zu fruchtbarem Beten zu führen, indem wir zum Beispiel beim Geheimnis: „Den du o Jungfrau geboren hast“ mit den Hirten das Gloria der Engel hören, uns mit ihnen in den Stall von Bethlehem begeben, mit ihnen staunen und das göttliche Kind in den Armen Mariens anbeten.

Das Ave Maria zu wiederholen und sich dabei in das heilige Geschehen hinein zu vertiefen, heißt auch, sich die Herzenshaltung Mariens zueigen zu machen, die sie bei der Geburt Christi einnahm: „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,51).

Wie immer beim Gebet gilt auch beim Rosenkranz: Stellen wir uns vor dem Gebet bewußt an den Thron Gottes und treten wir mit den Engeln und Heiligen vor Sein heiliges Angesicht. Sammeln wir uns vor dem Gebet und nehmen wir einige konkrete Anliegen in unser Gebet auf: dies wird uns Ansporn sein, andächtig und beharrlich zu beten. Kreuzzeichen und Glaubensbekenntnis helfen uns, wie bereits gesagt, dabei.

Im Bewußtsein, daß die Zeit mit Gott die kostbarste unseres Lebens ist, sollen wir mit Bedacht und unter dem Maß des Möglichen die Umstände für das Gebet wählen. Ein guter Zeitpunkt für das Gebet ist nicht gekommen, wenn man zu müde ist, etwas anderes noch zu erledigen. Der rechte Ort ist nicht dort zu suchen, wo man auch sonst keinen klaren Gedanken fassen kann. Natürlich kann man beim Autofahren „nebenher“ den Rosenkranz beten – aber muß es immer so sein, gibt es keine bessere Zeit dazu, keinen besseren Ort?

Die Botschaft von Fatima will 100 Jahre nach den Erscheinungen der Muttergottes neu entdeckt werden: „Betet täglich den Rosenkranz!“

Sie wird demjenigen keine Last sein, der aus der Fülle dieses Gebetes schöpft, Mündliches mit Betrachtendem verknüpfend. Die Zeit drängt: Der Unfriede breitet sich aus, die Sünde läßt in den Seelen Ruinen zurück und viele Seelen sind in Gefahr für ewig verloren zu gehen. Es braucht viele Beter, die im Rosenkranz um Verzeihung der Sünden bitten und um Erbarmen: Führe Du, Herr, „alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen“!

An uns liegt es, die Erfolgsgeschichte des Rosenkranzes im Heute fortzuschreiben. Wird es uns ebenso gelingen wie unseren gläubigen und glutvollen Vorfahren? Am Rosenkranz werden sich auch in unserer Zeit die Geister scheiden. Siegesgewiß letztlich dürfen wir an diesem Kampf teilhaben auf daß der Welt das Heil neu geschenkt werde, das uns allein in Christus teilhaftig wird und ohne den es keinen Frieden in der Welt geben kann.

P. Dieter Biffart FSSP

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