REKTORATSKIRCHE ST. SEBASTIAN - SALZBURG
PRIESTERBRUDERSCHAFT ST. PETRUS

„Wo wohnt Gott?“

Die Gegenwart Gottes im Herzen der lebendigen Christen ist ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt und das unser Leben verwandeln kann.

Die Frage, wo Gott wohnt, stellen häufig Kinder, wenn sie sich an die großen Themen des Lebens herantasten. Und nicht selten geraten Erwachsene bei der Antwortsuche ins Stottern, nicht etwa, weil die Frage zu naiv wäre. Vielmehr trifft sie das Wesentliche, das den Erwachsenen in ihrer alltäglichen Unruhe schnell verloren geht.

Zu den Grundeigenschaften Gottes gehört Seine Allgegenwart. Gott ist überall, im Himmel und auf Erden. Wir können Ihm nicht entfliehen. Vielmehr ist es leicht, Gott in allen Dingen zu finden.

Einprägsam gibt der Katechismus diese Wahrheit wieder: „Gedenke, wo du immer bist, daß Gott dein Vater bei dir ist.“

An einem Ort gegenwärtig sein heißt aber nicht zugleich Wohnung nehmen und „zuhause“ sein, werden die Kleinen bohrend einwenden und sich mit der bisherigen Antwort nicht zufrieden geben wollen. „Wo wohnt also Gott?“

In den Psalmen beten wir: „Zu Dir erhebe ich meine Augen, der Du im Himmel wohnst“ (Ps 122,1). In der Menschwerdung hat sich der Himmel auf die Erde geneigt und die zweite göttliche Person hat Wohnung unter uns genommen: „Juble und freue dich, Tochter Sion; denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte“ (Zach 2,14).

Auch 2000 Jahre nach der Menschwerdung haben wir allen Grund, diesen Jubel nicht verstummen zu lassen, denn im Tabernakel (lateinisch „tabernaculum“ = Zelt) läßt der Herr Seine Verheißung zu allen Zeiten neu Wirklichkeit werden: „Seht das Zelt Gottes unter den Menschen. Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden Sein Volk sein“ (Off 21,3).

Auch der Heide fragt den Christen: „Wo wohnt Dein Gott?“ Im Sinne einer Antwort führt ihn der Gläubige in eine katholische Kirche, wo das ewige Licht brennt. Und es wäre möglich, daß sich der Christ, nachdem er das Knie gebeugt und den lebendigen Gott in Seinem Haus angebetet hat, einen Vorwurf gefallen lassen muß: „Wenn die Katholiken wirklich glauben würden, daß ihr Gott bei ihnen wohnt, dann wären die Kirchen doch ständig besucht?!“ Die Gleichgültigkeit demgegenüber, was wir im Glauben bekennen, ist kein missionarisches Zeugnis und ein Schritt hin zum Unglauben …

Auf der weiteren Suche nach der Wohnung Gottes stoßen wir auf ein Herrenwort: „Wenn einer mich liebt, wird er mein Wort bewahren, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23). Das Zuhause Gottes ist also auch das gottliebende Herz. Die Taufe macht aus der menschlichen Seele einen Tempel des Dreifaltigen Gottes, einen „Himmel auf Erden“. Wir sehen dieses Geheimnis nicht, und dennoch ist es gegenwärtig. Das fehlende Bewußtsein hebt nicht die Wirklichkeit auf.

Die Herrlichkeit des Himmels ist daher nicht rein zukünftig – sie beginnt bereits hier auf Erden: „Wie tröstlich ist der Gedanke, daß wir Ihn, von der beseligenden Anschauung abgesehen, schon hienieden besitzen, wie Ihn die Heiligen dort oben besitzen; daß wir Ihn nie zu verlassen brauchen, nie nötig haben, uns von Ihm ablenken zu lassen“ (hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit).

Besteht nicht gerade darin das Drama der Todsünde? Nachdem Gott durch die Taufe in der gerechtfertigten Seele Einlaß gefunden hat, stößt das Geschöpf seinen Schöpfer aus dem Herzen. Es vertauscht den Himmel mit der Verdammnis, aus der herrlichen Wohnung Gottes wird eine leere, schaurige Ruine.

Wer hingegen als lebendiger Christ aus dem Bewußtsein lebt, eine Wohnung Gottes zu sein, der wird bereits im Diesseits vom Glanz des Jenseits ergriffen: „Da ganz im Innern, in dem Himmel meiner Seele, dort liebe ich es, Ihn zu suchen, da Er mich nie verläßt. Gott in mir und ich in Ihm, das ist mein Leben“ (hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit).

Die Einsamen entdecken in dieser Wahrheit die glückselig machende Gesellschaft der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die Trauernden die Quelle des Trostes, die Frohen den Ursprung ihrer Freude, die Versuchten im Ringen um das Gute den notwendigen Halt, die Zweifelnden das Licht der Wahrheit.

Das Streben nach Heiligkeit besteht gerade darin: in allen Lebenslagen den Dreifaltigen Gott nicht aus den Augen zu verlieren, sondern vielmehr in den Tempel der Seele einzutreten, den Er sich zur Wohnung erkoren: „Denn in Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (Apg 17,28).

Wie leicht ist diese Übung inmitten der alltäglichen Beschäftigungen: Gott im eigenen Herzen anzubeten; an den Orten unseres Lebens und unserer Arbeit einzukehren, um aus der Quelle allen Seins sich das Leben in Fülle schenken zu lassen, indem wir beispielsweise beten: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Wenn der hl. Franz von Sales meinte unbeobachtet zu sein, so berichten seine Diener, nahm er dennoch eine Haltung ein, als ob er in der Gegenwart von Königen wäre. Der Heilige kehrte in sein Herz ein und fand dort den König der Könige und den Herrn der Heerscharen. Er befolgte den Rat der hl. Teresa von Avila: „Verrichte alles so, als sähest du die göttliche Majestät gegenwärtig; auf diese Weise gewinnt eine Seele viel.“

Vielen Christen ist es im Alltag nur gelegentlich möglich, in einer Kirche vor den Tabernakel zu treten. Um so eifriger dürfen sie sich den Ruf nach innen zu eigen machen: „Halt an! Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir“ (Angelus Silesius)!

P. Dieter Biffart FSSP

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