REKTORATSKIRCHE ST. SEBASTIAN - SALZBURG
PRIESTERBRUDERSCHAFT ST. PETRUS

Sankt Sebastian in der Linzergasse zu Salzburg

von P. Jochen Schumacher

hl. Sebastian

In Salzburg ist der Priesterbruderschaft St. Petrus ein ganz besonderes Gotteshaus anvertraut: die Kirche St. Sebastian. Nicht nur, dass dieses wunderschöne barocke Juwel der Altritusgemeinde allein gegeben ist – die Kirche also nicht mit anderen geteilt werden muss – St. Sebastian ist auch historisch gesehen eine für Salzburg nicht unwichtige Kirche gewesen.

Blicken wir auf die 500jährige Geschichte eines traditionsreichen Gotteshauses in Salzburg zurück:

Während noch während des Mittelalters die Sorge um Kranke zu den gesonderten Aufgaben der Orden und Stifte allein gehörte, errichtete das aufstrebende Bürgertum der beginnenden Neuzeit eigene, kommunale Einrichtungen, um Kranke und sonstige Bedürftige aufnehmen zu können. In Salzburg bestand bereits seit 1327 ein solches „Bürgerspital“ am Ende der berühmten Getreidegasse. Durch die schnell anwachsende Bevölkerung wurde ein weiteres notwendig, und so wurde im Jahre 1496 am Ende der Linzergasse – damals fast schon am Stadtrand – der Grundstein für das „Bruderhaus“ gelegt. Das Bruderhaus war weniger ein Krankenhaus im heutigen Sinne, sondern vielmehr eine Pflegeanstalt für alte und kranke Einwohner der Stadt, es wurden aber auch fremde, durchziehende Pilger beherbergt. Zum Bruderhaus gehörte ein recht großes Grundstück, und so entschlossen sich die Salzburger Bürger – mit dem Segen des regierenden Fürsterzbischofs Leonhard von Keutschach – dieses für einen Friedhof und den Neubau einer Kirche zu verwenden Tatsächlich brachten sie recht schnell die notwendigen Mittel dazu auf und bereits im Jahre 1505 konnte mit dem Bau der „Bruderhauskapelle“ begonnen werden, die – was lag näher – unter das Patronat des Schutzheiligen gegen Krankheiten und Pest – den hl. Sebastian – gestellt werden sollte. Der Friedhof konnte am 11. Dezember 1511 vom Salzburger Weihbischof Nikolaus Kaps eingeweiht werden, die „Kapelle“, die nach siebenjähriger Bauzeit doch eine Kirche geworden war, wurde am 2. Mai 1512 durch den Salzburger Weihbischof und Fürstbischof von Chiemsee, Berthold Pürstinger, feierlich konsekriert.

Der erste Leichnam, der auf dem Friedhof beigesetzt wurde, war der eines armen Mannes, der an Fallsucht litt und in einem Tümpel ertrunken war. So fuhr man fort, bei St. Sebastian zunächst die Toten ohne Standesunterschied zu begraben, vor allem aber die armen Verstorbenen des Bruderhauses und der anderen Spitäler. Das wandelte sich jedoch innerhalb kürzester Zeit. Fürsterzbischof Wolf-Dietrich von Raitenau gab 1595 dem Architekten Elia Castello den Auftrag, den Friedhof im italienischen Stil eines Campo Santo neu zu gestalten, der dafür mit einem überdachten Arkadengang umschlossen wurde. Gleichzeitig ließ er in der Mitte des Friedhofes die Gabrielskapelle als Mausoleum für sich selber erbauen. Auch diese „Kapelle“ – ein zierliches, aber prächtiges Bauwerk zwischen Spätrenaissance und Frühbarock – ist richtigerweise eine konsekrierte Kirche, die am 29. September 1603 vom Gurker Fürstbischof Johann Jakob vom Lamberg in Anwesenheit des Salzburger Fürsterzbischofs zu Ehren des hl. Erzengels Gabriel und der hll. Apostel Simon und Judas Thaddäus feierlich geweiht wurde. Der neue Friedhof hingegen wurde vom Gurker Weihbischof und Domprobst Karl Grimming zu Niderrain eingesegnet.
Nach einem verheerenden Dombrand wurde auch der alte, die Bischofskirche umgebende Domfriedhof in Mitleidenschaft gezogen und daraufhin aufgelassen. Weil die Salzburger daraufhin – neben dem kleinen Petersfriedhof – eine neue Begräbnisstätte suchten und angelockt durch die Bekundung, dass der Landesfürst selber bei St. Sebastian bestattet werden wollte, bemühten sich immer mehr wohlhabende Bürger und Edelleute darum, auf diesem neuartigen, italienisches Flair verbreitenden Friedhof einen Begräbnisplatz zu erlangen. Der Architekt dieser wunderschönen Anlage, der bereits erwähnte Elia Castello, war der erste, der auf dem neuangelegten Friedhof bestattet wurde. Immer mehr kunstvolle, altarähnliche Gruftaufbauten entstanden entlang des Kreuzganges, neben den vielen schmiedeeisernen und marmornen einfacheren letzten Ruhestätten auf dem weiten Gräberfeld.

Grabmal

Bis heute kann man den einzigartigen, beruhigenden Charakter dieses Gottesackers nachempfinden, zählt er doch zu den letzten, gut erhaltenen Friedhöfen im italienischen Campo-Santo-Stil im gesamten deutschsprachigen Raum. Die bekanntesten noch vorhandenen Grabstätten sind neben der von Fürsterzbischof Wolf-Dietrich die von vier Salzburger Weihbischöfen (darunter dem letzten Fürstbischof von Chiemsee und ersten Administrator nach dem Ende des Erzstiftes Sigmund Christoph von Zeil und Trauchburg); eine alte Domherrengruft und Säkularpriestergruft sowie die des Arztes Paracelsus; von Leopold Mozart, Vater von Wofgang Amadeus sowie dessen Witwe Constanze und anderer Familienangehörigen.
Während die Kirche anfangs wohl nur für Bewohner des Bruderhauses gedacht war, gewann sie zunehmend auch Beliebtheit bei den Salzburger Bürgern und größere Bedeutung für das gesamte Erzstift. So wird zum Beispiel berichtet, dass die Familie Mozart regelmäßig nach St. Sebastian zur hl. Messe ging, der kleine Wolfgang Amadeus übte öfter an der Kirchenorgel.

Spätestens seit 1680, als Fürsterzbischof Maximilian Gandolf von Kuenburg nach der großen Pestepedemie in Wien anordnete, dass der heilige Sebastian als Patron gegen diese Krankheit in der gesamten Erzdiözese ganz besonders zu verehren sei, rückte auch die Kirche St. Sebastian vermehrt in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens in der Stadt Salzburg. Von 1680 bis zum Ende des alten Erzstiftes im Jahre 1803 wurde alljährlich am Festtag des Pestpatrons am 20. Jänner, später am Sonntag danach, eine große Prozession gehalten. Ausgehend vom Dom ging sie durch die Altstadt über die Salzachbrücke die Linzergasse hinauf bis nach St. Sebastian. Neben dem Fürsterzbischof selber, der alten Berichten zufolge „im roten Habit“ mit seinem gesamten Hofstaat an der Prozession teilnahm, waren sämtliche Zünfte und Salzburger Bürger angehalten, ebenfalls bei der Prozession zu erscheinen.

St. Sebastian war eine der Salzburger Kirchen, in denen jährlich unter großem Aufwand ein vierzigstündiges Gebet abgehalten wurde, beginnend immer am Ostersonntag. 
Der letzte der drei Bittgänge vor Christi Himmelfahrt ging wiederum von der Domkirche aus in das Sebastiansgotteshaus, der Landesfürst dabei diesmal „im blauen Habit“. 
Die wohl prächtigste Prozession fand am Oktavtag von Fronleichnam statt: nach dem Hochamt im Dom begleiteten der Fürsterzbischof, das gesamte Domkapitel, der Hofstaat, sämtliche Zünfte, Bruderschaften, Bürgerwehren und Salzburger Einwohner das Allerheiligste auf dem Weg nach St. Sebastian. Dort wurde ein weiteres feierliches Hochamt gehalten, danach ging die Prozession unter Salutschüssen und Glockengeläute zurück in die hochfürstliche Domkirche, wo der sakramentale Segen den Abschluss der Fronleichnamsfeierlichkeiten bildete. Diese regelmäßigen Besuche des Erzbischofs und Landesfürsten waren über 120 Jahre lang fester Bestandteil des Hofprogramms und damit einer der zentralen Ereignisse im kulturell-kirchlichen Leben des alten Erzstifts Salzburg. 
Eine Kirche, die solch öffentliche Aufmerksamkeit besaß, musste natürlich auch nach den neuesten Moden in der Baukunst verändert werden. Und so wurde das ursprünglich gotische Gotteshaus unter Fürsterzbischof Sigismund Christoph von Schrattenbach im Jahr 1750 im Barock- bzw. Rokokostil umgebaut und am 26. Mai 1754 von ihm selbst neu geweiht. Von der alten gotischen Substanz ist außer den Mauern nicht mehr viel erhalten, an den Fenstern und einigen Nischen erkennt man noch die typischen spitzförmigen Elemente. Dafür galt St. Sebastian danach aber als wohl schönste Rokokokirche Salzburgs.

Ein verheerender, großer Stadtbrand im Jahre 1818 zerstörte fast die gesamte Inneneinrichtung, die großen Deckenfresken, die Leben und Martyrium des hl. Sebastians zeigten sowie die alten Altargemälde waren damit unwiederbringlich verloren, zumal nach dem Ende der geistlichen Fürstentümer und dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der Napoleonischen Kriege und der daraus entstandenen politischen Unruhen weder Geld noch fachlich kompetente Künstler da waren, die die einstige Pracht hätten wiederherstellen können. Dunkle, schwarze Flecke im Marmorfußboden zeigen noch heute die Stellen, an denen das brennende Dachgebälk hinunter ins Kirchenschiff stürzte.
Aber die Bedeutung dieses Gotteshauses war im Bewusstsein der Salzburger durchaus noch vorhanden. Der Hochaltar, die sechs Seitenaltäre und einige Stuckaturen blieben vom Feuer verschont, nur die Altarblätter mussten neu gemalt werden (das Hochaltarbild wurde später durch eine barocke Strahlenkranzmadonna ersetzt) und man tauschte die Kirchenbänke durch neue, klassizistische aus. So konnte die Kirche am 2. Juli 1821 unter Leopold Maximilian von Firmian (der wegen der Zeitumstände nur erwählter Erzbischof und Administrator der Erzdiözese war) neu eingeweiht werden. Auch wenn der einstige Prunk durch die ausgemalten Decken verschwunden ist und sich die Kirche heute in einem schlichten, aber hellen weiß präsentiert, wirkt sie vielleicht gerade dadurch um so freundlicher auf den Besucher.

Es ist schon eine Besonderheit, in einem solch altehrwürdigen Gotteshaus täglich seinen priesterlichen Dienst verrichten zu dürfen, vor allem wenn man bedenkt, was diese Kirche in 500 Jahren schon alles erlebt hat.
In diesem wunderschönen Gotteshaus nun ist die Salzburger Altritusgemeinde schon seit über 20 Jahren zu Hause. Damals übergab Erzbischof Dr. Georg Eder der Gemeinde die Kirche St. Sebastian und ernannte P. Klaus Gorges, der bereits seit 1988 in Salzburg wirkte, zum Kirchenrektor.

In der barocken Kirche kann sich die überlieferte Liturgie besonders gut entfalten. Dafür nehmen viele Gläubige einen weiten Weg in Kauf, um am sonntäglichen Hochamt teilnehmen zu können. Es ist besonders schön zu sehen, wie auch viele Kinder und Jugendliche den gregorianischen Choral schätzen und selber singen.

Der alte Kreuzgang des Friedhofes, der als solcher seit 1888 aufgelassen ist, dient uns heute vor allem für die zahlreichen kirchlichen Prozessionen. Dazu zählen neben den Bittgängen am Markusfest und vor Christi Himmelfahrt Lichterprozessionen zu Ehren der Gottesmutter am Vorabend des Fatimatages (jeweils am 12. des Monats von Mai bis Oktober) die großen Prozessionen am Palmsonntag und am Sonntag nach Fronleichnam. Auch der Weg vorbei an den alten, prunkvollen und einfachen Gräbern, bekannten und unbekannten Namen erinnert an die jahrhundertelange Bedeutung dieses gottgeweihten Ortes.

In St. Sebastian versuchen wir, ein übliches Gemeindeleben zu verwirklichen. Dazu gehören neben den täglichen hl. Messen auch feierliche Levitenämter mit Orchestermusik an Festtagen. Zusätzlich zu den Andachten, Prozessionen und täglicher Beichtgelegenheit gibt es Katechesen für Kinder, eine Pfadfindergruppe sowie Vorträge und Glaubensunterweisung für Jugendliche und Erwachsene.

Neben der Sorge um die eigene Kirche und Gemeinde ist den Priestern von St. Sebastian eine Mitverantwortung für das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Kapuzinerinnen-Kloster St. Maria Loreto übertragen. Dort halten wir täglich die Konventmesse der Schwestern, dazu noch eucharistische Segensandachten. Das Loretokloster ist auch eine der wichtigen Beichtkirchen Salzburgs, wo die Geistlichen der Priesterbruderschaft St. Petrus ebenfalls in die Spendung des Bußsakramentes einbezogen sind. Hinzu kommt noch ein Gottesdienstort in Nusssdorf am Inn in Bayern der von uns mit betreut wird.

Es ist äußerst wichtig, eine eigene Kirche zu haben. Sie ist der Ort des gottesdienstlichen Geschehens und damit Herzstück und Mittelpunkt des Gemeindelebens. Wir sind dankbar, ein solch schönes und altehrwürdiges Gotteshaus nutzen zu dürfen. Seit 500 Jahren lebt Gott in St. Sebastian, seit 500 Jahren spendet Er Tag für Tag Gnade über Gnade den Messbesuchern, den Beichtenden und den stillen Betern. Hier spürt man wirklich, „dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Geheimnis, kein Fehl ist an ihm“ (Graduale zum Kirchweihfest).

Wenn Sie einmal in Salzburg sind, so statten Sie doch uns und dem hl. Sebastian einen Besuch ab, wir würden uns freuen!

© Priesterbruderschaft St. Petrus, Salzburg - Österreich